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Die niesende Frau und der verspätete Frühling

The Sneezing Woman and Delayed Spring: Legend of Halle

English translation available * A haunting legend of spring.
Was du jetzt liest, ist eine Sage. Aber diese Sage ist nicht erfunden, sie wartet nur darauf, von dir gelesen zu werden.
Du betrittst den Neumarkt in Halle, die alte Kirche, den Schatten der Mauer. Vielleicht hast du sie selbst schon gesehen, die Frau in den weißen Gewändern. Sie hat dich schon gesehen.
Wer diese Geschichte liest, übernimmt ein altes Versprechen. Es gibt kein Zurück, nur die Wahl, was du mit dem Wissen tust.
Der Frühling kam dieses Jahr spät. Du wirst erfahren, warum. Und vielleicht, ganz vielleicht, kannst du helfen, ihn endgültig zu erlösen.

Ein Spaziergang durch Halle.

Ich hatte mir fest vorgenommen, an diesem Nachmittag endlich die Knospen zu finden. Seit Wochen zog es mich durch die Straßen von Halle, immer auf der Suche nach dem ersten Grün, das sich durch den Winter kämpft. Meine Wanderschuhe hatten schon den gesamten Südpark gesehen, die Peißnitzinsel, sogar den Dölauer Forst. Überall derselbe Anblick: kahle Bäume, grauer Himmel, eine Stadt, die noch schlief. Meine Gedanken kreisten um den verpassten Frühling, um den Märzwochen, die einfach verstrichen waren, ohne dass die Welt auftaute. Ich stand am Neumarkt, vor der alten Kirche, deren Steine noch die Kälte des Februars atmeten. Die Luft roch nach nassem Asphalt und dem Rauch eines entfernten Kamins. Ich zog den Kragen meiner Jacke höher, blickte auf die Kirchhofsmauer, und dann sah ich sie.

Die Frau auf der Mauer.

Sie saß auf dem alten Stein, so still, dass ich sie zuerst für eine Skulptur hielt. Weiße Gewänder, die im Wind nicht bewegten, Hände im Schoß gefaltet. Ihr Gesicht war bleich, die Augen geschlossen. Ich blieb stehen, mitten auf dem gepflasterten Weg, und starrte sie an. Dann nieste sie. Ein kurzer, heller Laut, der im Hof der Kirche widerhallte. Ich zuckte zusammen. Niemand sonst war hier, nur ich und diese Frau, die nicht hierherzugehören schien. „Gott helfe“, sagte ich. Es kam aus mir heraus, ohne Nachdenken. Sie öffnete die Augen. Grau, fast durchsichtig. Sie sah mich an, und in ihrem Blick lag etwas, das ich nicht deuten konnte. Dann nieste sie wieder. Ich spürte, wie mir der Atem stockte. „Gott helfe“, sagte ich erneut. Meine Stimme klang klein in der Stille. Sie nieste nicht. Sie wartete. Ich wartete auch. Die Sekunden dehnten sich, die Luft wurde schwer. Was sollte ich sagen? Ein drittes Mal? Die Worte brannten mir auf der Zunge, aber ich brachte sie nicht heraus. Stattdessen, ich weiß nicht warum, flüsterte ich: „Wenn Gott dir nicht helfen will, dann der Teufel.“ Sofort verwandelte sich ihr Gesicht. Die Stille war nicht mehr still. Sie klagte auf, laut, verzweifelt: „Hättest du zum dritten Mal Gott gerufen, wäre ich erlöst gewesen. Nun muss ich hundert Jahre warten.“ Ich wollte etwas sagen, etwas dagegenhalten. Doch sie war verschwunden, als hätte der Wind sie fortgetragen.

Der Winter, der nicht enden wollte.

Die Tage danach waren seltsam. Der März kam und ging, doch der Frühling blieb aus. Ich hörte die Leute auf der Straße reden, in den Geschäften, an den Haltestellen. „Wo bleibt er nur?“, fragte die alte Frau an der Kasse. „Der April wird es richten“, sagte der Mann neben mir im Bus. Aber der April kam, und es half nichts. Die Bäume am Neumarkt zeigten keine Knospe, die Vögel blieben stumm, und der Himmel hing grau über der Stadt. Ich ging jeden Nachmittag zur Kirche. Die Mauer war leer. Aber ich spürte etwas, wenn ich dort stand. Eine Kälte, die nicht vom Wetter kam. Ein Flüstern, das ich nicht verstand. Ich hatte etwas ausgelöst, dachte ich. Eine falsche Entscheidung, die nicht nur mich traf, sondern die ganze Stadt. Die Menschen zogen die Mäntel enger, schlossen die Fenster, warteten. Ich auch.

Die erste Knospe.

An einem Morgen im Mai, als ich schon fast aufgegeben hatte, ging ich wieder die alte Strecke. Ich hatte geträumt von einer schwarzen Linde, deren Äste sich streckten wie Arme nach dem Licht. Der Traum trieb mich hinaus, noch vor dem Frühstück. Der Neumarkt lag im Dunst, die Kirche war noch verschlossen. Ich blieb vor der alten Linde stehen, deren Stamm sich schwarz vom Himmel abhob. Und da war sie. Eine kleine, zarte Knospe, grün, fast durchsichtig, die sich aus der Rinde drängte. Ich kniete nieder, betrachtete sie aus der Nähe. Sie war kein Versprechen, sie war da. Ich legte die Hand auf den Stamm, spürte die raue Rinde, die Kälte, und darunter etwas Warmes, das sich regte. Ich hörte nicht mit den Ohren, aber ich hörte etwas. Ein Rascheln, ein Atemholen. Die Stadt erwachte. Hinter mir öffnete jemand ein Fenster, rief etwas. Ein Vogel begann zu singen, zögernd, dann lauter. Die Knospe leuchtete im ersten Sonnenstrahl.

Die Stadt wacht auf.

Am Nachmittag war der Neumarkt voller Menschen. Sie standen um die Linde, zeigten auf die Knospe, fotografierten sie mit ihren Handys. Ich hörte Lachen, hörte jemanden sagen: „Endlich.“ Ich stand am Rand der Menge, die Hände in den Taschen. Eine Frau neben mir sagte zu ihrem Kind: „Siehst du? Der Frühling kommt doch.“ Das Kind nickte, starrte auf den Baum. Ich blickte zur Kirchhofsmauer. Sie war leer. Aber diesmal spürte ich keine Kälte. Vielleicht, dachte ich, hat sie auch gewartet. Vielleicht zählt sie nicht mehr die Jahre, sondern die Knospen. Vielleicht, wenn der Baum blüht, wenn die Blätter fallen, wenn der Schnee wieder kommt – vielleicht dann ist ihre Zeit um. Ich weiß es nicht.

Was bleibt, ist der Neumarkt.

Ich stehe heute wieder vor der Linde. Die Knospe ist längst ein Blatt, der Frühling ist da, so plötzlich, als hätte er nur auf dieses Zeichen gewartet. Die Menschen in Halle ziehen ihre Jacken aus, setzen sich auf die Bänke am Neumarkt, trinken Kaffee, lachen. Die Kirche strahlt im Sonnenlicht, die Steine sind warm, die Mauer wirkt klein, fast unbedeutend. Aber ich sehe sie noch immer. Nicht mit den Augen, aber mit etwas anderem. Eine Frage, die mich nicht loslässt: Habe ich wirklich etwas falsch gemacht? Oder war alles so bestimmt, die verpasste Erlösung, der lange Winter, diese eine Knospe? Ich weiß, dass ich eines Tages wiederkommen werde. Vielleicht, wenn der Herbst die Blätter färbt. Vielleicht im nächsten Winter, wenn der Neumarkt unter Schnee liegt. Vielleicht, wenn die Linde wieder Knospen treibt. Ich werde an der Mauer stehen und warten. Ich weiß nicht, worauf. Auf ein Niesen? Auf eine Antwort? Oder einfach darauf, dass die Welt sich dreht, dass der Frühling kommt, dass alles seine Zeit hat. Manchmal, in stillen Stunden, höre ich sie. Nicht mit den Ohren, sondern mit dem Herzen. Ein leises Niesen, ein Echo, das durch die Jahre schwingt. Ich habe sie nicht erlöst, vielleicht kann ich das nie. Aber ich bin hier. Ich sehe die Knospen. Ich atme den Frühling. Und ich weiß: Auch das Warten hat seinen Sinn.

Die Suche in der erwachenden Stadt.

Ich ging nicht nach Hause. Ich ging nicht zur Arbeit. Ich ging einfach los, die Leipziger Straße hinunter, vorbei an den Straßenbahnen, die jetzt mit offenen Fenstern fuhren, vorbei an den Cafés, die ihre Stühle nach draußen gestellt hatten. Der Frühling war endlich da, und die Menschen trugen ihn in ihren Gesichtern. Aber ich suchte nicht den Frühling. Ich suchte ein Gesicht, das nicht hierhergehörte. Der Marktplatz war voll. Die Händler priesen Spargel und Erdbeeren an, eine junge Frau mit einem Kleid, das nach Sommer aussah, obwohl es erst Mai war, lachte über etwas, das ihr Begleiter gesagt hatte. Kinder rannten zwischen den Ständen hindurch, ein Hund bellte, irgendwo spielte jemand Gitarre. Ich blieb stehen, ließ den Blick über die Menge schweifen. Hunderte Gesichter, gerötet von der ersten Wärme, entspannt, lebendig. Keines davon war bleich genug. Keines trug diesen Ausdruck von jemandem, der seit hundert Jahren auf Erlösung wartet. Oder vielleicht doch? Vielleicht hatte ich sie nur nicht erkannt. Vielleicht trug sie jetzt ein Sommerkleid, eine Sonnenbrille, einen Hut. Vielleicht nieste sie nicht mehr, weil die Kälte sie nicht mehr quälte. Vielleicht war sie einfach eine Frau unter vielen, die an einem Marktstand Kirschen kaufte und sich von der Sonne wärmen ließ. Ich ging weiter, die Augen offen, das Herz schwer von einer Frage, die ich nicht formulieren konnte.

Die Begegnung in der Bäckerei.

Ich fand sie in einer Bäckerei in der Kleinen Ulrichstraße. Nicht weil ich sie suchte, sondern weil ich Hunger hatte. Die Tür stand offen, der Duft von frischem Brot zog auf die Straße, und ich trat ein, ohne nachzudenken. Vor mir an der Theke stand eine Frau in einem hellen Mantel, der nicht zu dieser Jahreszeit passte. Ihre Hände, die nach einem Brötchen griffen, waren schmal und bleich. Der Bäcker lächelte sie an, sagte etwas von dem schönen Wetter, und sie nickte, aber ihr Lächeln war dünn wie Papier. Ich erkannte sie sofort. Nicht an den weißen Gewändern, nicht an der Blässe, sondern an der Art, wie sie dastand – als gehöre sie nicht ganz in diesen Raum, als sei sie nur zu Besuch in einer Welt, die ohne sie weiterging. Ich trat neben sie, bestellte einen Kaffee, den ich nicht trinken würde, und sagte leise: „Sie sind es. Die Frau von der Mauer.“ Sie drehte sich zu mir um. Ihre Augen waren grau, fast durchsichtig, genau wie damals. Aber diesmal lag kein Vorwurf darin. Nur eine stille, fast neugierige Wachheit. „Sie haben mich gesucht“, sagte sie. Es war keine Frage. „Ja“, sagte ich. „Ich wollte sehen, ob es Ihnen gut geht. Ob Sie noch da sind. Ob ich noch etwas tun kann.“ Sie nahm das Brötchen, biss hinein, kaute langsam. „Es geht mir gut“, sagte sie. „Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit. Der Frühling tut mir gut. Die Menschen tun mir gut. Ich war so lange allein auf dieser Mauer. Jetzt bin ich unter ihnen. Das reicht mir.“

Erlösung ohne Worte.

Wir setzten uns auf eine Bank vor der Bäckerei. Die Sonne schien warm, die Straße war voller Leben, und die Frau neben mir nieste nicht mehr. Sie erzählte von den Jahren auf der Mauer, von den Wintern, die sie nicht spürte, von den Sommern, die sie nur von fern sah. Sie erzählte von den Menschen, die vorbeigingen, ohne sie zu sehen, von den wenigen, die stehenblieben, von den Worten, die fast immer falsch waren. „Sie waren der Erste, der fast richtig lag“, sagte sie. „Aber fast reicht nicht. Damals nicht. Jetzt schon.“ Ich verstand nicht sofort, was sie meinte. Dann begriff ich. Es ging nicht um die Worte. Es ging um das Sehen. Ich hatte sie gesehen, damals auf der Mauer, und ich hatte sie nicht vergessen. Ich war zurückgekommen, nicht um sie zu erlösen, sondern um sie zu finden. Vielleicht war das die eigentliche Erlösung. Nicht ein drittes „Gott helfe“, nicht eine magische Formel, sondern einfach die Tatsache, dass jemand sie suchte, unter den Lebenden, im Licht des Frühlings. Sie legte ihre Hand auf meine. Ihre Finger waren noch immer kalt, aber sie zitterten nicht mehr. „Sie sind frei“, sagte ich. „Ja“, sagte sie. „Ich glaube, das bin ich.“ Wir saßen noch eine Weile, ohne zu sprechen. Dann stand sie auf, strich ihren Mantel glatt und lächelte. Kein dünnes Lächeln mehr. Es war ein Lächeln, das bis in die Augen reichte. „Vielleicht sehen wir uns wieder“, sagte sie. „Vielleicht im nächsten Winter, wenn die Mauer unter Schnee liegt. Oder vielleicht einfach hier, auf dem Markt, bei den Kirschen.“ Sie ging die Straße hinunter, und ich sah ihr nach, bis sie in der Menge verschwand. Sie war eine Frau unter vielen geworden, und genau das war die Erlösung.

Die Rückkehr zum Neumarkt.

Am Abend ging ich noch einmal zur Kirche. Die Mauer war leer, wie immer jetzt. Aber die Linde stand in voller Blüte, ihre Zweige schwer von Grün, ihre Blätter glänzten im letzten Licht des Tages. Ich legte die Hand auf den Stamm, spürte die Wärme, die von innen kam. Der Baum hatte gewusst, dass der Frühling kommen würde. Er hatte nur gewartet, bis jemand bereit war, ihn zu sehen. Ich setzte mich auf die Mauer, genau an die Stelle, wo sie gesessen hatte. Die Steine waren noch warm von der Sonne. Ich dachte an die vergangenen Wochen, an die Kälte, die nicht enden wollte, an die Knospe, die alles verändert hatte, an die Frau, die jetzt irgendwo in der Stadt war, frei und lebendig. Ich hatte nichts getan, was in den alten Sagen stand. Ich hatte nicht die richtigen Worte gefunden. Aber ich hatte gesucht. Und das hatte gereicht. Vielleicht, dachte ich, ist das die tiefere Wahrheit dieser Geschichte. Dass Erlösung nicht in einem einzigen Satz liegt, den man im richtigen Moment sagt. Sondern darin, dass man nicht aufhört, nach dem anderen zu suchen. Dass man sich erinnert, wenn alle anderen längst vergessen haben. Dass man im Winter an den Frühling glaubt und im Frühling den Winter nicht verdrängt. Ich stand auf, warf einen letzten Blick auf die Linde, auf die Kirche, auf die Mauer, die jetzt nur noch eine Mauer war. Dann ging ich nach Hause, durch die Straßen von Halle, die noch immer voller Menschen waren, voller Lachen, voller Leben. Und zum ersten Mal seit Wochen fühlte ich mich nicht mehr wie ein Fremder in meiner eigenen Stadt. Ich gehörte hierher. Genau wie die Frau, die jetzt vielleicht an einem Fenster stand und den Sonnenuntergang betrachtete. Genau wie die Linde, die ihre Blätter in den Wind hielt. Genau wie der Frühling, der endlich gekommen war, leise, unaufhaltsam, und ohne eine einzige Frage zu stellen.

Mit herzlichem Dank und einem leisen Niesen, das zu spät kam,
Ihr Chronist der verpassten Erlösungen und Freund von Frauen auf alten Mauern.

*Der geneigte Leser möge entschuldigen, dass wir nicht erwähnen, ob diese Kälte vom Stein oder von einer unerlösten Seele kommt. So manche Kirchhofsmauer wurde inzwischen saniert, die Linde gefällt und neu gepflanzt, und selbst die weiße Frau hat vielleicht längst ein Smartphone in der Hand und niest nur noch im Sommer, wenn die Klimaanlagen zu kalt eingestellt sind. Sollte also ein „Gott helfe“ in der falschen Tonart erklingen oder eine Erlösung um hundert Jahre verschoben sein, so bitte ich um Milde. Der Autor folgte nicht den Regeln der Sagen, sondern dem Echo eines Niesens, das noch immer über den Nalleschen Neumarkt hallt.

Quellenangaben:
Inspiriert vom eisigen Wind auf dem Neumarkt und einem leisen Niesen, das den Frühling um Wochen verzögerte und mich lehrte, dass falsche Worte manchmal die richtige Geschichte schreiben.
Sagen, Märchen und Gebräuche aus Sachsen und Thüringen 1846, Gott helf.
Meyers Konversations-Lexikon 3. Auflage 1874 - 1884
Wikipedia – Die freie Enzyklopädie
Wikipedia – Die Weiße Frau (Sagengestalt)
Mitteldeutsche Zeitung – Die weiße Frau vom Neumarkt
Sagen.at – Sagen aus Halle (Saale) und Umgebung

uwR5

Pferd mit krausen Nüstern prüft das Roß die Luft, dann wiehert es muthig nur wie ich herrsche, dient das Thier, ein Druck, von dannen fliegt es mit mir, als wäre mein Sporn schon blutig 1124

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Und er schüttelt den dicken Kopf

daß er nur so fliegt, das sein nur alte, schreckliche Geister, junge Herr. Sam wünschen, er wären tot! Geister ihn immerfort so grausam plagen. Ach, junge Herr, junge Herr, ihr nix sagen Master Silas, er alte Sam sonst so viel zanken. Er sagen, sein keine Geister nix, sein keine Hexen nix auf der Welt, un alte Sam sie doch immer hören un sehen. Wenn er nur gewesen hier jetzt, er müssen glauben. Aber das sein immer so. Leute, was wollen nix glauben dran, glauben nix. Wollen nix sehen un hören und wenn 's annre Leute ihnen sagen, sie nix wollen wissen. Er hatte im stillen immer noch auf Befreiung gehofft. Auf dem Wege dahin versuchte der Unglückliche, so oft er konnte, sich anzuklammern; denn er wußte nun wohl, was ihm bevorstand. Doch man kannte mit dem Unglücklichen, dem ehemaligen Lehrer und Prediger der Stadt, kein Erbarmen. Das Sträuben des Aermsten reizte einen Kamenzer Bürger so sehr, daß dieser dem Geängsteten eine Ladung Schrot in die Hände schoß, damit Dulichius sich nicht mehr anklammern könne. Die Schmerzen waren fürchterlich. Endlich öffnete sich die Türe zur Schreckenskammer. Aber schon bei dem Anblicke der Marterinstrumente erklärte der Unglückliche, er bekenne, daß er einen Bund mit dem Teufel gemacht habe, mit dessen Hilfe er auch vom Turme herabgestiegen sei. Am 6. November 1654 widerrief er zwar seine Aussage, aber es half ihm dies nichts. Er wurde für einen Zauberer, Hexenmeister und Teufelsbündler erklärt, und man sprach über ihn das Todesurteil aus. Da halfen nun nicht mehr die Bitten und Tränen des unglücklichen Gefangenen. Die Feinde wollten ja über ihn triumphieren. Caspar Dulichius wurde am 8. Juli 1655, nach einer anderen Angabe bereits am 3. Juni, auf dem Marktplatze in Kamenz öffentlich mit dem Schwerte hingerichtet. Seine letzten Worte waren: Mein Gott und Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist! […] Mehr lesen >>>


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Der Jungferngrund ist ein dunkler, alter Ort, an dem nur das leise Flüstern der Zeit die Stille durchbricht. Seine tiefen Fichtenwälder, in denen das Zwielicht ewiger Dämmerung herrscht, verbergen ein Geheimnis, das seit Generationen sorgsam gehütet wird. Die Bauern und Holzfäller des Fichtelgebirges meiden diesen verwunschenen Winkel der Natur, denn sie wissen um die unheilvollen Geschichten, die das Moor unter dem Nebel webt. Es ist ein Ort der Legenden, an dem das Ungesagte mächtiger ist als jedes Wort. Seit jeher gilt, dass der Wald sich nur demjenigen öffnet, der seinen Geist respektiert und dem Ruf der Vergangenheit lauscht. Das Echo einer uralten Melodie, gespielt auf einem Instrument, das nicht mehr existieren sollte, zieht einen jungen Mann in seinen Bann. Ohne es zu ahnen, folgt er den Spuren eines uralten Unheils und dringt tiefer in die vergessene Welt des Jungferngrundes vor. Hier, wo die Bäume dicker und der Atem des Waldes spürbarer wird, stößt er auf eine verlassene Schutzhütte und ein verwittertes Buch, das von einer Zeit erzählt, als die Täler noch voller Leben und die Gipfel voller Hoffnung waren. Doch die Seiten offenbaren nicht nur die unschuldige Geschichte von jungen Frauen, die am Bach Leinen waschen und von Liebenden, die unter den Sternen tanzen. Mit jeder Zeile verdichtet sich die Atmosphäre, wird spürbar, wie der Schatten eines unsagbaren Verrats über die Szenerie fällt. Die alten, schiefen Schriften weisen auf eine verlorene Liebe hin, einen Eidbruch, der die ganze Region in einen Bann der Trübsal legte. Ein starrer, alter Mann, der in der Nähe der Hütte Wache hält, warnt den Eindringling vor der Rückkehr der "Jungfrauen", die nicht das sind, was sie scheinen, sondern vielmehr das Echo einer Tragödie, die auf Erlösung wartet. Zwischen alten Ruinen und den letzten Spuren einer längst vergessenen Kultur entdeckt der junge Mann ein altes Rätsel, das ihn vor eine unmögliche Wahl stellt. Das Schicksal der alten Welt und das seiner eigenen Liebe hängen davon ab. Wird er die Jungfrauen vor der Dunkelheit retten oder wird er, wie all die Wanderer vor ihm, für immer in den Nebelschleiern des Jungferngrunds verschwinden? […] Mehr lesen >>>


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